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Investition und Markt im Ausland • Gründerszene schlaflos in Seattle (Quelle)
Regierender Bürgermeister besucht [1998] mit Unternehmern Boom-Stadt im Westen der USA / Exportschlager Biotechnik und Gitarrenrock

Schwer hängen die Regenwolken über dem See. Von sattem Grün gesäumt, schlängelt sich der Lake-Washington-Boulevard um das gleichnamige Gewässer herum. Hier, in der besten Wohnlage Seattles programmiert Microsoft-Chef Bill Gates sein multimediales 60-Millionen-Dollar-Traumhaus. Gleich gegenüber, am anderen Ufer, liegt die Backstein-Villa, in der sich Nirvana-Frontmann Kurt Cobain die Kugel gab. Der Software-Milliardär und der Hardcore-Musikant sind die Symbolfiguren für den Aufstieg der Metropole des US-Bundestaates Washington zur Boomtown und Pop-Pilgerstätte der neunziger Jahre. Ist der Strom der Grungerock-Touristen mittlerweile abgeebbt, so reisen weiterhin aus aller Welt die Wirtschaftsdelegationen an, um Kontakte zu knüpfen, darunter in diesen Tagen eine Berlin-Brandenburger Unternehmergruppe unter Führung des Regierenden Bürgermeisters Eberhard Diepgen.
Microsoft, Nintendo, AT & T Wireless - diese Namen stehen für den wirtschaftlichen Aufschwung, den die verregnete 530 000-Einwohner-Stadt im äußersten Nordwesten der USA im letzten Jahrzehnt nahm. Im Dunstkreis der Firmensitze solcher Giganten der Informationstechnologie haben sich weit über 1000 kleinere Software-Unternehmen angesiedelt. Ihr Umsatz soll sich Schätzungen zufolge noch im Laufe der neunziger Jahre von acht auf 20 Mrd. Dollar steigern. Nicht das kalifornische Silicon Valley, sondern das King County um Seattle hat die größte Dichte von Software-Firmen gemessen an der Einwohnerzahl.
Andere "Zukunftstechnologien" sind heute in dieser einstigen Agrar- und Fischfang-Region ebenso präsent: Etwa die Medizin und die Biotechnologie sowie natürlich die Luft- und Raumfahrt, machtvoll repräsentiert durch Boeing, den weltweit größten Flugzeughersteller. Pro Kopf gerechnet, exportiert die Region viermal so viele Güter wie der US-Durchschnitt. Einer von fünf Jobs hier hängt vom internationalen Handel ab. Die Jünger des Grunge aber wollten bei alldem nicht mittun.