Franz Hessels »Der Landwehrkanal« (Informationen 0/2 zu Bild 55) Zum Verzeichnis der Informationenzum Bild zurück
   
Die Berliner Stadtmission wurde am 9. März 2002 125 Jahre alt (Quelle)

Die gute alte Stadtmission ist seit 1877 fester Bestandteil Berlins und ohne das Wirken vieler Generationen von Stadtmissionaren, haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wären diese Stadt und ihre Menschen um einiges ärmer. In der Chronik wird berichtet, dass die Stadtmission streng genommen sogar noch drei Jahre älter ist: Im Jahre 1874 stellte der damalige Generalsuperintendent von Berlin, Bruno Brückner, die ersten sechs Stadtmissionare an. Obwohl in der Gründungszeit der Stadtmission in Berlin ca. 800.000 Kirchenglieder von lediglich 74 Pfarrern betreut wurden, war die evangelische Kirche erst nicht davon zu überzeugen, dass Stadtmissionsarbeit sinnvoll und notwendig war. Dieser Umstand brachte Brückner in Konflikt mit der Kirchenleitung, und so entschloss er sich im Jahre 1877, das junge Pflänzchen Stadtmission in die Hände des Hofpredigers Adolf Stöcker zu legen, der am 9. März 1877 durch eine ordentliche Vereinsgründung den Boden für das Wachsen und Gedeihen der vielfältigen Arbeit bereitete.

Warum Stadtmission?

Die Entfremdung der Bevölkerung Berlins von Glauben und Kirche war in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts alarmierend: Durch starke Zuwanderung hatten sich die sozialen Bedingungen in der Reichshauptstadt stark verschlechtert: Die Massen verelendeten in riesigen Mietskasernen, staatliche soziale Einrichtungen gab es noch nicht. Zudem fehlte es den Kirchen an Personal und als 1874 das Zivilstandsgesetz in Kraft trat, das unter anderem den Zwang zur kirchlichen Einsegnung von Ehen aufhob, wurde das Problem plötzlich offenkundig: Nur noch 20 Prozent der jungen Ehepaare schlossen den Ehebund auf freiwilliger Basis kirchlich; nur jedes zweite Kind wurde getauft. Anfänglich beschränkte sich die Arbeit der Stadtmission auf die Sonntagsschulen. Auf dem Umweg über die Kinder erreichten die Missionare die Eltern.

Vor 100 Jahren

Schon zu ihrem 25. Geburtstag sind die Arbeitsbereiche der Stadtmission so vielfältig, dass es unmöglich ist, sie kurz und knapp darzustellen. Daher hier nur eine Aufzählung: Jünglings-, Männer-, Frauen- und Jungfrauenvereine, Sonntagsschulen, über die ganze Stadt verbreitete Kirchen, Säle, Gottesdiensträume und Kapellen, Besuchsdienste in Familien, bei Kranken oder Gefangenen, Familienabende und Familiengottesdienste, Schiffsgottesdienste, Armenpflege, Straffälligenhilfe, Gasthausmission, Frauenarbeit mit Prostituierten und Gefangenen, Schriftenmission, Asyle, Hospize. “Das eigentliche Arbeitsgebiet der Stadtmission ist der seelsorgerliche Besuch in Familien.

Diese Selbstbeschreibung aus dem Jahr 1902 wurde in der Festschrift der Aufzählung der übrigen Arbeitsbereiche vorangestellt. Man kann den Eindruck bekommen, dass sich für die von Tür zu Tür ziehenden Missionare bei ihrer Arbeit Einblicke in menschliches Elend ergaben, die sofortiges Handeln unumgänglich machten. So ergab sich eins aus dem anderen, doch Grundlage der Arbeit war und blieb der tiefe Wunsch, den entfremdeten Menschen in der Großstadt Zeugnis zu geben von der frohen Botschaft. Dabei ist die Überzeugung, dass Christentum immer die tätige Nächstenliebe einschließt, Handwerkszeug aller Mitarbeiter der Stadtmission. Ein Beispiel dafür war die so genannte ’Schrippenkirche'. Ihren Namen verdankt sie dem Umstand, dass vor dem sonntäglichen Gottesdienst jeder Besucher ein Frühstück mit Schrippen (Brötchen) bekam. Die Schrippenkirche hatte von Oktober bis Mai an jedem Sonntagmorgen ab 6.30 Uhr für Bedürftige geöffnet und war somit eine frühe Vorläuferin der Kältehilfe. Folgendes Gespräch zwischen zwei morgendlichen Besuchern ist überliefert: “Na, Ede, willst woll ooch fromm wärn?" “Nee, aber für 'ne Tasse Kaffee und zwee Schrippen kann man sich schon 'ne Predigt uff'n Kopp stülpen lassen."

Ähnliche Szenen kann der Beobachter vielleicht heute noch sonntags morgens in der Gemeinde
Wilmersdorf erleben, wo vor dem Gottesdienst für Bedürftige ein Frühstück ausgegeben wird. Die Schriftenmission war ein Arbeitsbereich, der eine große Rolle spielte. Im stadtmissionseigenen Verlag wurden unter anderem die so genannten “Pfennigpredigten"herausgegeben. Im Jahr 1894 hatten diese kleinen Predigtblätter eine wöchentliche Auflage von 126.000 Exemplaren und 1901 wurden von der Sonderausgabe zum Ewigkeitssonntag 603.000 Stück gedruckt! Sie kosteten einen Pfennig und wurden praktisch weltweit von Menschen, die an der Mission interessiert waren, verteilt. “Der Sonntagsfreund" war ein früher Vorläufer von ja-DAS WORT und stand mit einer Auflage von 74.000 Stück in voller Blüte.

Krieg und Teilung

Bis zum Kriegsbeginn wuchs die Berliner Stadtmission auf eine Größe an, die selbst die heutige noch übertrifft. Seit 1884 hatte sie am Johannistisch in Kreuzberg in einem ehemaligen Varietétheater ihr Zentrum, unter dessen Dach sich neben einem großen Versammlungssaal ein Buchladen und ein Verlag befanden. An diesem Standort konnte Ende 1893 die mit Spenden erbaute große Stadtmissionskirche eingeweiht werden. Dieser gesamte Komplex einschließlich der Kirche wurde durch die Bombardierungen des 2. Weltkrieges zerstört. Auch viele andere Einrichtungen gingen unrettbar verloren. Die Festschrift zum 75. Geburtstag im Jahre 1952 führt eine Liste mit 20 völlig zerstörten Gebäuden auf. Die Teilung Deutschlands in Ost und West verringerte die Größe der Stadtmission weiter, zumal in der DDR christliche Stadtmissionsarbeit nicht gern gesehen war.

Berliner Stadtmission heute

Nach dem Fall der Mauer im Jahre 1989 schlossen sich auch die beiden 28 Jahre lang getrennten Teile
der Stadtmission wieder zusammen. Dadurch und durch neue und übernommene Einrichtungen wuchs
die Stadtmission auf ihre heutige Größe: 20 Gemeinden und missionarische Projekte, drei Seniorenheime, fünf Wohnstätten für behinderte Menschen, 12 Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe, zu denen Wohnprojekte und Beratungsstellen, eine Krankenstation, Übernachtungs- und Übergangswohnheime
sowie ein Restaurant für Wohnungslose gehören, ein Beratungs- und Wohnprojekt für Frauen, zwei Bahnhofsmissionen, eine Straffälligenhilfe, verschiedene Projekte, in denen Langzeitarbeitslose den beruflichen Wiedereinstieg vollziehen können, Projekte der Kinder- und Jugendarbeit, Schriftenmission,
ein Rüstzeitenheim, ein Jugendgästehaus sowie an saisonalen Einrichtungen vier Winterspielplätze und
die Kältehilfe mit Notübernachtung und Kältebus.

Im Jahr 2001 konnte ein bebautes Gelände in der Lehrter Straße zur Nutzung gesichert werden, auf dem in den kommenden Jahren das Zentrum Lehrter Straße entsteht. Mit diesem Vorhaben in der Mitte Berlins will die Stadtmission ihre große missionarische Tradition, die sich immer als ein tätiger Dienst von Christen an allen Menschen der Stadt verstanden hat, noch stärker ins Bewusstsein rücken. Für das Projekt werden noch Sponsoren und Förderer gesucht, die sich beteiligen möchten an der Vision einer Stadt, in der sich Gerechtigkeit und Frieden küssen. (Psalm 85,11)
 

Die Edition Luisenstadt beschreibt eine Schrippenkirche im Wedding:

Schrippenkirche

Die Schrippenkirche befand sich in Wedding (Gesundbrunnen), Ackerstraße 52. Träger der S. war der im Dezember 1882 gegründete „Verein Dienst an Arbeitslosen", dessen Initiator und langjähriger Vorsitzender Constantin Liebich war. Seit Januar 1883 organisierte der Verein Frühstücksgottesdienste, Andachten und Frühstücke, vom Volksmund "Schrippenkirche" getauft. Sie fanden zunächst im Wedding in der Müllerstraße 6 im ehemaligen Lokal „Fürst Blücher" statt. Mit dem 29. 9. 1900 wurde der Verein durch eine Schenkung von Hermann Fölsch Eigentümer des Grundstücks Ackerstraße 52/ Hussitenstraße 71. Im Frühjahr 1901 begann der Bau eines Wohnhauses an der Hussitenstraße 71, am 7. 12. 1901 erfolgte die Grundsteinlegung zu einem Quergebäude in der Mitte des Grundstücks. Architekt war das Vereinsmitglied Fritz Fuhrmann. Die Einweihung fand am 5. 10. 1902, der erste Gottesdienst am 12. 10. 1902 statt. In der Weimarer Republik übernahm die öffentliche Hand einen Teil der Sozialarbeit der Vereine. 

Die Nationalsozialisten lösten das Problem auf ihre Weise: Arbeitsverweigerung und Obdachlosigkeit führten zur Einweisung in ein Lager. Der Umfang der Arbeit für den Verein verringerte sich, die Besucher der S. kamen jetzt meist aus dem Städtischen Obdach. 1939 erfolgte die Änderung des Namens. Aus dem "Verein Dienst an Arbeitslosen" wurde der "Verein Schrippenkirche". Im II. Weltkrieg wurde das Hauptgebäude zerstört, Seitenflügel und Quergebäude in der Ackerstraße wurden bis 1948 wiederhergestellt. In der S. eröffneten am 1. 10. 1949 ein Heim für obdachlose, gefährdete Mädchen und ein Altersheim für Frauen. Die Arbeit übernahmen Diakonissen bis 1960 das Heim eine weltliche Leitung bekam. Als 1961 die Versöhnungsgemeinde durch den Mauerbau ihre Kirche verlor, führte sie ihren Gottesdienst in dem 1953 geweihten Saal der S. durch. Der „Verein Schrippenkirche" gehörte jetzt zum Diakonischen Werk. Altersheim und Jugendwerk arbeiteten bis in die 1970er Jahre. 1976 werden im Rahmen der Flächensanierung zwischen dem Vaterländischen Bauverein und dem „Verein Schrippenkirche" Grundstücke getauscht und der Vaterländische Bauverein erhielt das Grundstück mit den traditionsreichen Backsteinbauten. Am 7. 3. 1980 erfolgte der Abriß. Der Verein bekam das gegenüberliegende Grundstück, Ackerstraße 136/137. Hier baute er ein Kinder-, Jugend- und Altenheim, das im Herbst 1979 öffnete.

© Edition Luisenstadt